Titel: Kaputt
Verfasser: Irene Plew
Aufnahmedatum: 25. Juni 2001
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Dumpf das Geräusch im Inneren des Wagens, außerhalb laut wie ein Paukenschlag das Platzen des Reifens. Marionettenhaft bewegt schlingerte das Auto mit tolpatschigen ruckartigen Bewegungen nach rechts. Nur mühsam gelang es dem Fahrer, sein Fortbewegungsmittel am Straßenrand anzuhalten. Sich den Schweiß von der Stirn wischend stieg er aus, zuerst die langen, dünnen Beine, dann der Rest, wobei er den Kopf leicht einzog, um nicht anzustoßen.
Der schlaksig-magere Körper des Jünglings blieb auch in der Gangbewegung gebeugt, Schultern nach vorn gezogen, den Kopf auf dem spillerigen Hals mit dem überdeutlich herausragenden Adamsapfel ein wenig vorgereckt.
Er sah die Gummifetzen und ein "oh!" zischte aus seinen schmalen Lippen hervor. Schlurfte ums Auto herum, beugte sich tief zur Fahrertür hinein, zog den Schlüssel ab, stieß sich nun doch den Kopf beim Rückzug und knirschte mit den Zähnen. Seine knochige Hand rieb über die angeschlagene Stelle in der Hoffnung, so den Schmerz zu lindern.
Ungeduldig fingerte er am Kofferraumschloß, mit ein wenig Mühe gelang es ihm schließlich, ihn zu öffnen, ohne den Schlüssel abgebrochen zu haben. Ein Erste-Hilfe-Kissen, ein Plastik-Einkaufskorb, praktisch zusammengefaltet, eine schmuddelige, rotweinfarbene Wolldecke, ein kleiner Werkzeugkasten, ein Handfeger und, tja, der Wagenheber lag einladend da, aber von einem Ersatzreifen nicht die Spur. Lange starrte der Fahrer in den Kofferraum, so, als könne er seinen milchigbraunen Augen nicht trauen.
Schließlich nahm er den Wagenheber, klappte mit einem Ruck den Kofferraumdeckel zu, ging zum demolierten Reifen, starrte ihn mit sorgenvoll gerunzelter Stirn an, als könne er sich unter seinem konzentrierten Blick von selbst regenerieren.
Langsam ging er in die Hocke, zupfte ein wenig an den verbliebenen Resten.
"Kaputt", murmelte er, und seine piepsige Knabenstimme klang irgendwie verwundert.
Eine Windböe streifte ihn, der ausgemergelte Körper erschauerte wie im Fiber.
"Kaputt", sagte er noch einmal und ließ sich auf seinen Hintern plumpsen. Wie hypnotisierte starrte er weiterhin auf die Gummifetzen. Schwer wog der Wagenheber in seiner Hand, die schon zu zittern begonnen hatte, um das Teil weiterhin halten zu können. Als die Muskeln beschlossen, sich dieser Anstrengung nicht weiter gefallen zu lassen, sank der Arm herab und der Wagenheber schlug an den Knöchel des rechten Fußes. Wie schon bei dem Kopfstoß, rieb der Mann nun an seinem Knöchel, knirschte dabei wieder mit den Zähnen, dann nickte er, als hätte er sich einen Gedanken bestätigt. Sein Blick saugte sich an dem Wagenheber fest, er drehte ihn ein wenig, um ihn sich von allen Seiten anschauen zu können. Völlig unverhofft schwang er ihn weit zurück und ließ ihn mit aller Macht wieder vorschnellen. Es gab ein dumpfes, blechernes Geräusch, als er das Auto damit berührte und eine tiefe Mulde hinterließ. Der Mann verlor kraftlos den Wagenh
eber aus seiner Hand, betrachtete erst seine Finger, die immer noch leicht gekrümmt waren, als müßten sie weiterhin etwas halten, dann strich er behutsam mit den Fingerspitzen über die Delle. Ein leichtes Lächeln verzerrte die Lippen, er schloß die Augen, fühlte der Vertiefung millimeterweise nach. Dann betrachtete er seine Fingerkuppen, an denen grüne Farbplättchen hingen. Langsam, nur darauf konzentriert, zerbröselte er sie.
Könnte jetzt sein Gehirn abgehört werden, so wären dort knackende Geräusche wahrnehmen, als würden sich Zahnräder vorsichtig ineinander verzahnen.
"Immer alles kaputt", murmelte er.
Schon als Kind sagte man ihm dauernd, er solle nicht alles kaputt machen. Aber er konnte doch nichts dafür, es ging alles von alleine kaputt, wenn er in die Nähe kam. Auch in der Klinik, in die sie ihn gebracht hatten. Da ging sogar die Tür kaputt, bevor er raus konnte!
Er legte den Kopf weit in den Nacken, starrte in den wolkenverhangenen, grauen Himmel. Verfolgte die Fetzen, die vom Winde verwirbelt wurden, bis sie sich teilten und schließlich auflösten. Seine Stirn legte sich in sorgenvolle Falten und mit einer heftigen Bewegung seines Kopfes in die normale Position, die Halswirbel protestierten knackend, starrte er nun wieder den Reifen an.
Das Gras am Rande der Landstraße, in dem er saß, war klamm, aber er spürte es nicht. Dunkel würde die feuchte Stelle an der verwaschenen Jeans aussehen, wenn er aufstand, außerdem beklebt mit toten, matschigen Grashalmen, einer zerquetschten Ameise, die dummerweise gerade diesen Weg gewählt hatte, als er sich dort plazierte und der Wind würde für ein verstärkt empfundenes Kältegefühl sorgen. Aber er blieb dort sitzen, saß so, als würde er hier nie mehr aufstehen, sondern einfach dableiben und den Reifen mustern.
Sein heftiges Kopfschütteln war die einzige Bewegung nach langer, langer Zeit. Groß wurden seine Augen und er reckte den Hals noch höher hinaus. Aber es war noch da. Das Geräusch. Und es wurde lauter, sosehr er auch den Kopf schüttelte, es ging nicht weg. Er atmete in heftigen kurzen Stößen, genug zu Überleben, zu wenig, um den Lungen ausreichend Sauerstoff zu bieten. Schon sah er Lichtkreise vor seinen Augen, spürte die Dunkelheit dahinter, vor der er sich fürchtete - da verstummte das Geräusch.
Kurz darauf klappte eine Autotür, Schritte auf grauem Asphalt, ein Schatten, der ums Auto kam.
"Hallo, kann ich helfen?"
Er sah hoch zu dem Älteren, ein freundliches, rundes Gesicht, voller Runzeln.
Der Helfer kam ein Stück näher heran, begutachtete den Reifen und die Delle im Blech.
"Donnerwetter! Das sieht aber nicht gut aus. Ist Ihnen etwas passiert?"
Er musterte den auf dem Boden sitzenden, der ihn mit offenem Mund anstarrte.
"Kaputt", sagte er leise und erklärend.
"Ja, kann man sagen!"
'Komischer Typ', dachte der Mann dabei.
Der freundliche Autofahrer lachte fröhlich, warf einen kurzen Blick auf den neben dem Wagen liegenden Heber.
"Kann ich Ihnen beim Reifenwechsel helfen?"
Da der junge Mann keine Antwort gab, öffnete der Ältere den Kofferraum, suchte vergeblich nach dem Reserverad.
"Warten Sie, ich hol' eben meinen", sagte er dann und zwinkerte verschwörerisch. Der Junge starrte wieder auf das zerfetzte Gummi, ruckte dann mit dem Kopf herum, saugte seinen Blick an dem Wagenheber fest. Mechanisch griff er danach, seine Hand war ebenso kalt wie das Werkzeug. Der hilfreiche Autofahrer kam zurück, ein Reserverad triumphierend vor sich her rollend.
"So, sehen Sie, jetzt kann's losgehen!"
Er ging in die Hocke, streckte den Arm aus, die Handfläche einladend geöffnet.
"Geben Sie mal den Wagenheber?"
Wie schon mal, machte sich der Arm mit dem fest umklammerten Wagenheber in der Hand selbständig, holte weit aus wie bei einem Diskuswurf, schnellte dann wie am Gummiband gezogen wieder vor und landete mit Wucht von oben auf dem Schädel des in der Schrecksekunde völlig überrascht guckenden Mannes.
Das Geräusch war dumpf. Ohne einen Ton fiel der Mann vornüber, bettete seinen Kopf auf den knochigen Oberschenkeln des Jungen. Das Reserverad kullerte langsam aus, legte sich behutsam ins feuchte Gras.
Der Junge ließ auch jetzt den Wagenheber wieder los, starrte auf seine Hand, berührte dann behutsam den zertrümmerten Schädel, spürte die klebrige Wärme und Feuchtigkeit an seinen Fingern. Konzentriert sah er seine Fingerkuppen an, rieb sie aneinander.
"Kaputt", murmelte er, und seine piepsige Knabenstimme klang irgendwie verwundert.
Lange saß er noch so da, die Dunkelheit kroch übers Land. Da stand er endlich auf, wobei er sich mühsam von dem Körper auf ihm befreien mußte. Nun war seine Jeans nicht nur am Hosenboden feucht, sondern auch die vordere Partie wurde von einem tiefdunklen, feuchtglänzenden Fleck entstellt.
Er stieg in den Wagen des freundlichen Mannes, hier brauchte er den Kopf nicht so sehr einzuziehen, der Wagen war größer. Er startete und ein glückliches Lächeln huschte über sein blasses Gesicht, als das Auto sich in Bewegung setzte...
...vierzig Kilometer weiter raste ein mit Holzstämmen schwer beladener LKW mit hoher Geschwindigkeit in den ohne Licht und auf der linken Seite fahrenden Wagen des Jungen, schob ihm das Blech gegen die Brust. Unter Schock erzählte der Brummifahrer den Polizisten, das letzte Wort des Jungen wäre ein mit piepsiger Stimme verwundert ausgestoßenes "kaputt!" gewesen...
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