Das digitale Trautonium

Jörg Spix
Bloherfelder Str. 72
D-26129 Oldenburg

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Zusammenfassung

Das digitale Trautonium stellt den ersten Nachbau eines Mixtur-Trautoniums in digitaler Technik dar, die von der Erfassung der Meßwerte des Performance-Interfaces bis zur Klangerzeugung reicht. Es wurden einige geringe Veränderungen vorgenommen, die den aktuellen Stand der Technik nutzen, sowie Erweiterungen, die sinnvoll erschienen. Das Instrument soll in der jetzt vorliegenden Version nicht fixiert sein, sondern ist als Ausgangspunkt für weitere Verbesserungen und Experimente vorgesehen.

Einleitung

Das digitale Trautonium ist ein Nachbau des in den 30er Jahren von Friedrich Trautwein in Berlin erfundenen elektronischen Musikinstruments in Form des von Oskar Sala in den 50er Jahren weiter entwickelten Mixturtrautoniums.

Es sind drei Varianten vorgesehen:

  1. Eine "teure" Echtzeit-Version mit der Simulation der originalen Klangerzeugung des Trautoniums auf einer IRCAM Signal Processing Workstation (ISPW),

  2. eine "billige" Echtzeit-Version unter Verwendung eines komerziellen MIDI-Synthesizers, der jedoch einige Aspekte der originalen Klangerzeugung nicht unterstützt,

  3. ein Csound-Programm zur Realisierung der originalen Klangerzeugung aus MIDI-Dateien, die bei einer Performance einer Echtzeit-Variante aufgenommen wurden.

Von diesen drei Varianten wurden bislang die beiden Echtzeit-Versionen fertiggestellt.

Es sollen zunächst der Aufbau des klassischen Instruments erläutert und im weiteren auf die Realisierung der Mensch-Maschine Schnittstelle und die Klangerzeugung eingegangen werden. Hierbei soll zunächst von der ISPW-Version ausgegangen werden, die Anforderungen an den MIDI-Synthesizer sowie dessen Einschränkungen sollen dann im Anschluß daran erläutert werden. Abschließend werden die bislang vorliegenden Resultate und Verbesserungsvorschläge diskutiert.

Das klassische Trautonium

Das klassische Trautonium in der Form des Telefunken-Trautoniums besitzt ein Manual, ein Pedal sowie einige Schalter und Drehregler.
Das Manual des klassischen Trautoniums orientiert sich am Bandmanual des Hellertion, verwendet jedoch einen Widerstandsdraht bzw. eine mit Widerstandsdraht umsponnene Saite, an deren niedergedrücktem Punkt die abgenommene Spannung bzw. der Widerstand des rechten Abschnitts der Saite die Frequenz eines sägezahnähnlichen Generators über ca. 3 Oktaven steuert.
Die darunter liegende Kontaktschiene ist beweglich gelagert. Der Druck auf diese Schiene wird durch einen Kohlepulverwiderstand gewandelt und zur Steuerung der Lautstärke des Tones verwendet.
Hinter dem Frequenzgenerator befinden sich zwei parallele nachschwingende Resonanzfilter, die durch elektrische Schwingkreise realisiert sind. Das Fußpedal steuert die Lautstärkeverhältnisse der Ausgangssignale der beiden Filter. Das daraus resultierende Signal wird dem Endverstärker und dem Lautsprecher zugeführt.

Im Mixtur-Trautonium existieren jeweils zwei Manuale und Pedale. Jedem Manual, welches bei 70 cm Länge ca. 4 Oktaven umfasst, sind vier Tongeneratoren zugeordnet, deren Frequenzen Subharmonische, d.h. der Quotient aus Steuerfrequenz und einer ganzen Zahl, der Steuerfrequenz des Manuals sind. Die Auswahl der Subharmonischen für die vier Generatoren wird über Drehschalter eingestellt. Der Drucksensor ist ein Flüssigkeitswiderstand.
Die Pedale sind beim Mixtur-Trautonium durch je zwei Schalter ergänzt, die durch die seitliche Bewegung des Pedals ausgelöst werden können und eine andere Kombination von Subharmonischen auswählen. Die Lautstärkeverhältnisse zwischen den Subharmonischen bleiben bei jeder Pedalstellung bestehen.
Die Summe der Subharmonischen wird dann den beiden parallelen nachschwingenden Resonanzfiltern zugeführt.

Der Aufbau des digitalen Trautoniums

Das digitale Trautonium besteht zunächst aus den Manualen, Pedalen und einer Benutzerschnittstelle, die zusammen mit einem Atari ST Computer und einem mehrkanaligen 12-bit A/D-Wandler den Trautonium-Controller bildet, der die Meß- und Zustandswerte im MIDI-Protokoll über die eingebaute MIDI-Schnittstelle überträgt. Die Abnahme des Fingerdrucks erfolgt über einen Drucksensor, der sich zwischen dem Träger des Manuals und der flexiblen Kontaktfläche befindet und über die gesamte Länge der Saite erstreckt. Die Saite besteht aus Nylon-Schnur, die mit Widerstandsdraht umwickelt ist.


Abb.1: Querschnitt eines Manuals

Die analogen Meßwerte der Saitenposition, des Manualdrucks und des Pedalwinkels werden von einem achtkanaligen 12-Bit Analog/Digital-Wandler, der über den ROM-Port am Atari ST angeschlossen ist, gemessen und als Pitch-Bender-, Volume-Controller, sowie Controller 31 als 14-Bit Daten übermittelt. Die Schalter an den beiden Pedalen sind über den Joystick-Eingang des Atari ST angeschlossen. Die beiden Alpha-Dials für die Parameter-Auswahl und -Einstellung, sowie die zugehörigen Blockierungsschalter an der User-Interface-Box sind am Mausport des Atari angeschlossen. Die drei Knöpfe in der User-Interface-Box, die für das Vorwärts- und Rückwärtsschalten der Presets und die Speicherung des aktuellen Parametersatzes im aktuellen Preset zuständig sind, sind auf den freien Datenleitungen auf der Adresse des A/D-Wandlers angeschlossen.


Abb. 2: Die Mensch-Maschine Schnittstelle

Die MIDI-Daten des Trautonium-Controllers werden vom Programm MAX auf einem Macintosh Computer empfangen, der die Verwaltung der Parameter (Werte der Subharmonischen für jede Pedalstellung, Werte der Filtereinstellung) und Presets übernimmt und je nach Version die aktuellen Werte der Manuale, Pedale, Subharmonischen und Filter an den angeschlossenen Tonerzeuger weiterleitet. Die Programme unterscheiden sich in einigen Punkten für die ISPW und den MIDI-Synthesizer.


Abb. 3: Blockschaltbild des digitalen Trautoniums

Die Klangerzeugung in der ISPW verwendet pro Manual vier freilaufende Oszillatoren, die nur beim Umschalten der Subharmonischen und beim Niederdrücken der Saite synchronisiert werden, da die Phasenstabilität der Generatoren in der ISPW so groß ist, daß sich über mehr als 20 Minuten keine sichtbare Abweichung erkennen läßt. Die Wellenform der Oszillatoren ist der Ladekurve eines Kondensators nachgebildet. Die Resonanzfilter (wahwah-Objekt) sind rückgekoppelte digitale Filter (IIR-zweipol-Filter), die auf ihrer Resonanzfrequenz nachschwingen. Die Belastung der NeXT-ISPW beträgt ca. 50% des ersten Prozessors. Der zweite Prozessor wird nicht genutzt.


Abb.4: Blockschaltbild der Klangerzeugung

An den Synthesizer werden besondere Anforderungen gestellt, die leider nur von sehr wenigen Geräten mit einigen Einschränkungen erfüllt werden. Der Synthesizer sollte einen Pitch-Bend Bereich von mindestens +/-2 Oktaven (besser 3 Oktaven) besitzen, die Auflösung in diesem Bereich sollte unter einem Cent liegen. Kombinationen von mehreren Stimmen in einer "Performance" sollten eine Transposition von mindestens 4 1/2 Oktaven mit einer Auflösung von maximal einem Cent betragen. Sollte diese Möglichkeit nicht bestehen, so ist ersatzweise die Ansteuerung der Oszillatoren über getrennte MIDI-Kanäle möglich. Aufgrund der seriellen Übertragung der Parameter für die verschiedenen Kanäle ist hierbei eine Synchronisation der Oszillatoren jedoch mit Sicherheit nicht möglich.

Des weiteren ist es erforderlich, die Lautstärke für jeden MIDI-Kanal getrennt steuern zu können, vorzugsweise mit mindestens 10 Bit Auflösung.

Der Synthesizer muß auf mindestens acht verschiedenen MIDI-Kanälen ansprechbar, also achtfach Multimode-fähig, sein, um parallele Intervalle bzw. zwei Manuale zu unterstützen.

Für die Erzeugung des Klangfarbenbereiches des Originalinstruments sollte der Synthesizer mindestens in der Lage sein, eine sägezahnförmige und eine rechteckige Grundwelle zu erzeugen. Im Idealfall sollte der Synthesizer mit zwei Paaren oder vier einzelnen Exemplaren von nachschwingenden Resonanzfiltern ausgestattet sein, die sich mehreren MIDI-Kanälen zuordnen lassen. Ersatzweise können externe MIDI-steuerbare Filter diese Aufgabe übernehmen. In diesem Falle sollte der Synthesizer mindestens zwei getrennte Ausgänge für die Tonsignale der Oszillatoren des ersten und zweiten Manuals besitzen oder zwei getrennte Synthesizer verwendet werden.

Der derzeit verwendete Synthesizer-Expander Hohner HS/2-E (baugleich mit Casio VZ-10M bzw. Casio VZ-1 / Hohner HS-2 als Synthesizer mit Tastatur) besitzt einen Pitch-Bend-Bereich von maximal +/- 4 Oktaven bei 14 Bit Auflösung, d.h. eine minimale Tonhöhenauflösung von ca. 0,3 Cent. Die Auflösung der Transposition im "Combination"-Modus ist nicht ausreichend, daher werden getrennte MIDI-Kanäle für die Übertragung der Tonhöhen verwendet, die Synchronisation von Oszillatoren ist daher mit Sicherheit nicht möglich. Es kann maximal ein MIDI-Parameter für die Steuerung der Phasenmodulationsoszillatoren, d.h. Klangfarbe und/oder Lautstärke verwendet werden. Der Master-Volume Controller (Controller 7) wirkt sich leider auf alle Kanäle des Instruments aus, daher ist es nicht möglich Klangfarbe und Lautstärke für zwei Manuale getrennt zu steuern. Die derzeit vorligende Version des MAX-Programms unterstützt zwei Manuale ohne Klangfarbenänderung. Die Verwendung externer MIDI-steuerbarer Filter an zwei getrenten Ausgängen des Instruments wäre jedoch möglich. Die Auswahl einer sägezahnförmigen Grundwellenform für die Oszillatoren ist möglich. Die Reaktionszeit auf Lautstärkeänderungen ist zu groß, so daß mit diesem Synthesizer keine Töne mit stark ansteigender Lautstärkenflanke erzeugt werden können.

Ergebnisse

Bei Hörvergleichen zwischen der ISPW-Version des digitalen Trautoniums und Schallplatten- bzw. CD-Aufnahmen des klassischen Mixturtrautoniums lassen sich keine wesentlichen Unterschiede mit Ausnahme der typischen Probleme der digitalen Klangerzeugung und -verarbeitung (Aliasing, Charakteristik digitaler Filter) feststellen.

Die MIDI-Synthesizer-Version enthält in der zweimanualigen Version keine Steuerung der Klangfarbe, in einer einmanualigen Version könnte die Modulationsstärke eines Phasenmodulationsoperators durch das Pedal beeinflußt werden oder das Ausgangssignal zwischen zwei kompletten Oszillatorsätzen mit unterschiedlicher Klangfarbe interpoliert werden. Eine weitere Möglichkeit bestände darin, an den beiden Ausgängen des Synthesizers MIDI-steuerbare externe Resonanzfilter anzuschließen. Bei Benutzung einer Sägezahn-Wellenform in Verbindung mit solchen externen Filtern ließe sich auch in der Synthesizer-Version die Klangerzeugung nachbilden.

Ausblick

Mit der ISPW-Version des digitalen Trautoniums liegt eine neue Generation dieses Instruments vor, welche die alte analoge Generation ablösen kann. Der Vorteil der digitalen Technik liegt in der Portabilität der Algorithmen auf neue Rechnergenerationen ohne einen Neuentwurf des gesamten Instruments sowie in der einer praktischeren Verwaltung der verschiedener Parametersätze. Lediglich der MIDI-Controller ist abhängig von der aktuellen Sensortechnik und könnte in einigen Punkten, wie z.B. der Integration der Position in den Drucksensor, noch verbessert werden. Die aktuellen Druck-/Positionssensoren sind jedoch nur in der Lage, einen mittleren Druckpunkt zu liefern, was sich jedoch negativ auf die Spieltechnik des Instruments, z.B. bei Trillern, auswirken würde. Die Entkopplung der Parameter Druck und Position bei diesen Sensoren dürfte ein robustes und verschleißfreies Manual ergeben, das auch der Beanspruchung durch Kinder und Jugendliche gewachsen sein dürfte.

Danksagungen

Ich bedanke mich bei GIMIK: Initiative Musik und Informatik Köln für die Benutzung der ISPW, bei Miller Puckette für seine Hilfe bei Problemen mit MAX auf der ISPW, beim Institut für Musikforschung Berlin und dem Musikinstrumentenmuseum Berlin sowie der Stadtbibliothek Köln und dem musikwissenschaftlichen Institut der Universität Köln für die Unterstützung bei der Literaturbeschaffung, bei Oskar Sala für die Vorführung seines Instruments und insbesondere dem Betreuer meiner Studienarbeit an der Universität Oldenburg, Jörg Schwanke, für die Unterstützung und das Interesse an diesem Projekt.

Literatur

Bücher und Zeitschriftenartikel

Sala, Oskar:
Experimentelle und theoretische Grundlagen des Trautoniums - Erster Teil, in: Frequenz 2, Nr. 12, 1948, S. 315-322

Sala, Oskar:
Experimentelle und theoretische Grundlagen des Trautoniums - Zweiter Teil, in: Frequenz 3, Nr. 1, 1949, S. 13-19

Sala, Oskar:
Subharmonische elektrische Klangsynthesen, in: Klangstruktur der Musik, hrsg. v. Fr. Winckel, Berlin 1955, S. 89-108

Trautwein, Fr.:
Elektrische Musik, Veröffentlichungen der Rundfunkversuchsstelle bei der Staatl. akademischen Hochschule für Musik, Berlin 1930

Sala, Oskar:
Trautonium-Schule, Mainz, Schott, 1933

Lertes: P.:
Elektrische Musik, Dresden und Leipzig 1933, S. 171-184

Schallplatten und CDs

Sala, Oskar:
My fascinating instrument, Hamburg, Erdenklang Musikverlag, 1990, CD + Beiheft

Hindemith, Paul:
Langsames Stück und Rondo, in: Die dreißiger Jahre, Thorofon CTH 2044, 1989, CD

Genzmer, Harald:
Trautonium-Konzerte, Mainz, Wergo Schallpl., 1986, Schallplatte 30 cm, 33 Upm, stereo


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