Selbstdarstellung

Hier findet Ihr die Unterthemen:
Ausleben von Persönlichkeitsfacetten, Fake-Account,
Konformitätsdruck, Narzismus/Alterego

Ausleben von Persönlichkeitsfacetten

Einleitung zu Ausleben von Persönlichkeitsfacetten

In diesem Text geht es um das Phänomen, dass die Selbstdarstellung im Digitalen partiell mehr mit der wahren Identität einer Person übereinstimmt, als dass es die Selbstdarstellung derselben Person in der realen Welt tut. Explizit soll hierbei der Fall beleuchtet werden, dass Menschen gesellschaftlich Tabuisiertes im Schutze des Digitalen ausleben. Es gibt viele bekannte Fälle, in denen Menschen tabuisierte Facetten ihrer Selbst in der digitalen Welt ausleben, die sie in der Realität aus unterschiedlichen Gründen im Verborgenen belassen - es gibt also Fälle, in denen Menschen sich mit ihren Daten in Teilen mehr definieren als es ihr reales Selbstabbild zulässt. Im Folgenden wird dieses Phänomen anhand des Beispiels paraphiler Sexualität erläutert werden, sowie Gründe des Phänomens und Auswirkungen auf die Gesellschaft erörtert werden.

Beispiel

Es gibt Menschen, die in der digitalen Welt im realen Leben unter Verschluss gehaltene, gesellschaftlich tabuisierte sexuelle Präferenzen ausleben. Die sexuellen Präferenzen, um die es hier gehen soll, sind solche, die der derzeitigen Definition einer Paraphilie (eine sexuelle Neigung die deutlich von der empirischen Norm differiert) (1) genügen. Beispiele hierfür sind etwa die Zoophilie (sexuelle Interesse an einem Tier) (1), die Pädophilie (sexuelle Interesse an einem präpubertären Menschen) (1) oder Exhibitionismus (das sexuelle Interesse daran sich anderen unbekleidet zu präsentieren) (1). Laut einer Studie der MiKADO besitzen 4,4% der deutschen Männer Fantasie zu sexuellen Handlungen mit Kindern in einem Alter von 12 oder jünger und 2,2% der deutschen Männer gaben an schon einmal Missbrauchsabbildungen (kinderpornografisches Material) zur sexuellen Erregung genutzt zu haben (2). Die Statistiken zeigen, dass Menschen pädophile Neigungen, die aller Wahrscheinlichkeit nach im realen Leben aufgrund der gesellschaftlichen Tabuisierung geheim gehalten werden, im Digitalen durch die Nutzung von Missbrauchsabbildungen ausleben. Gelegentlich werden pädophile Neigungen auch im Chatkontakt mit Minderjährigen ausgelebt. Die Pädophilen tarnen sich dabei oftmals mit Fake-Accounts, um sich das Vertrauen ihrer Gegenüber leichter verschaffen zu können, um schlussendlich sexualiserte Gespräche zu bezwecken (3). Dabei verhüllen die Pädophilen ihre Person durch die Nutzung eines Fake-Accounts zwar in eine falsche Identität, jedoch bleibt es auch hierbei faktisch der Fall, dass sie eine reale verborgene Facette ihrer Selbst digital ausleben und damit selbstkongruent handeln. Ein weiteres Beispiel für das Ausleben paraphiler Neigungen im Internet stellt das hohe Aufkommen exhibitionistischer Aktivitäten auf der 2009 aufgekommen Videochatplattform Chatroulette dar. In dem Videochat haben sich vermehrt Fälle ereignet, in denen sich meist männliche Akteure entblößt vor ihrer Kamera präsentierten (4). Auch hierbei ist davon auszugehen, dass die Mehrzahl der Exbhitionisten ihre Neigunge in der Realität unter Verschluss halten.

Gründe

Ein Grund, weshalb die digitale Welt sich für Menschen anbietet, verborgene Facetten ihrer Selbst zu leben, ist die Anonymität im Internet. Die Anonymität lässt Menschen im Internet unerkannt bleiben und befreit sie damit von der Gefahr, für ihr Handeln negative Konsequenzen zu erfahren und dafür verantwortlich gemacht zu werden. Dadurch ist die Hemmschwelle etwas auszuleben, was die Gesellschaft als verwerflich beurteilt, deutlich geringer. Personen können, wie im Beispielfall konkretisiert, Bedürfnisse besitzen, die beim Kultivieren in ihrem realen Umfeld möglicherweise strafrechtliche Folgen oder soziale Ächtung mit sich bringen könnten. Die Anonymität minimiert derartige Negativ-Konsequenzen, da sie die Adressaten für etwaige Folgen unkenntlich macht und damit in Sicherheit wiegt. Durch diese Sicherheit sehen Menschen den digitalen Raum als möglichen Ort an um Katharsis zu betreiben. Doch nicht allein die Anonymität im Internet motiviert das ehrliche Ausleben von gesellschaftsunfähigen Persönlichkeitsanteilen im Digitalen. Hinzu kommt, dass sich die nicht digitale Welt durch dort herrschende Konformitätsdrücke und die Gefahr der sozialen Ächtung bei Verletzung von Konformitäten, als Ort zum selbstgerechtem Handeln bei sozial verpönten Bedürfnissen unattraktiv gestaltet. Soziale Ausgrenzung stellt eine existentielle Bedrohung für den Menschen dar (5), wodurch dieser folglich stets darauf bedacht ist, Bestandteil eines sozialen Systems zu sein. Bedürfnisse und Verhaltensweisen, die zu sozialem Ausschluss führen könnten, werden daher in Bereichen wo Derartiges drohen kann unterdrückt um dies zu verhindern. Dadurch wiederum werden Menschen darin bestärkt, sich sichere Räume, wie den anonymen Raum des Internets zu suchen, um Tabuisiertes ausleben zu können.

Auswirkungen

Als negative Auswirkungen ist zu nennen, dass das Ausleben tabuisierter Neigungen im Digitalen, sofern ein Ausleben nicht nur gesellschaftlich, sondern auch strafrechtlich verboten ist, zu einer höheren Internetkriminalität führt, die besondere Anforderung an die Fahndung stellt. Als positive Auswirkung lässt sich nennen, dass die Möglichkeit besteht, dass das Kultivieren tabuisierter Neigungen im Virtuellen ein Ausleben in der Realität unterbinden kann. Dies ist insofern ein Vorteil wenn die tabuisierte Neigung beinhaltet anderen Menschen zu schaden. Beispielsweise existieren empirisch untermauerte Ideen, dass die Verbreitung freier Pornografie im Internet mit einem Rückgang der Vergewaltigungsrate in den USA in Verbindung steht (6).

@Author Daniel Wefer

Fake-Account

Definition

Eine sinnvolle Definition von Fake-Profilen, beziehungsweise Fake-Accounts, beginnt beim Aufbau des Begriffs selbst. Dieser setzt sich zusammen aus den Begriffen Fake und Account. Unter einem Account versteht man das "Konto eines Users für ein Dienstleistungsangebot in einem Computernetzwerk" (1). Im Regelfall besteht das Konto aus Daten, mit denen der User es versehen hat und wird durch eine Kombination von Username und Passwort geschützt. Fake entstammt der englischen Sprache und bedeutet soviel wie "Fälschung" oder "Schwindel" (2). Zusammengenommen handelt es sich bei Fake-Accounts also um gefälschte Profile. User füttern diese mit falschen Daten, wie zum Beispiel Bildern von Ihnen, fremden Personen und erfundenen Informationen.

Warum?

Die Erstellung eines Fake-Accounts kann auf verschiedenste Gründe zurückgeführt werden. In den meisten Fällen soll sie jedoch zum Schutz der Privatsphäre derer dienen, die sie erstellen. Hierbei besitzen die Inhaber meist nicht nur den Fakeaccount, sondern im selben Netzwerk noch mindestens einen weiteren Account, in dem sie sich wahrheitsgemäß darstellen. So steht die Erstellung der meisten Fake-Accounts auch in einem humoristischen Zusammenhang. Dabei geht es von der reinen Neugier, über das "Trollen" von anderen Nutzern bis hin zum Cyber-Mobbing, bei dem entweder Fake-Accounts im Namen des Opfers erstellt werden, oder das Opfer über einen Fake-Account angegriffen wird. Genau hier liegt auch die Schnittstelle zu ernsthaften Unternehmungen, die mit Fake-Accounts getätigt werden. In diesem Bereich nimmt die Bedeutung der Erstellung solcher Accounts stark zu. Falsche Daten dienen hier nicht mehr zur reinen Belustigung, sondern gehen weit darüber hinaus. Oftmals werden die Fake-Accounts in diesem Bereich in Zusammenhang mit kriminellen Aktivitäten gebracht, nicht zuletzt durch Verbreitung von Spam und schadhaften Links, die gezielte Gewinnung von brauchbaren Daten (Handynummer, Anschrift, ...) anderer Personen oder dem in Kontakt treten mit bestimmten Personen. Letzteres findet zum Beispiel beim sogenannten Cyber-Grooming statt. Hierbei handelt es sich um eine "Vorgehensweise von Erwachsenen, die über Online-Medien gezielt Kontakt zu Kindern [...] um sie für ihre sexuell motivierten Absichten zu missbrauchen" (3). Der Grund der Erstellung solcher letztgenannter Fake-Accounts steht nicht selten in Verbindung mit psychischen Problemen, die in anderen Themenbereichen von uns behandelt werden (genauer anderer Themenbereich).

Studie

Eine von Barracude Networks, einem amerikanischen Unternehmen aus der IT-Sicherheitsbranche, im Jahr 2012 durchgeführte Studie von fast 3000 Facebook-Profilen, gibt aussagekräftige Einblicke in die Eigenschaften von Fake-Accounts. So handelt es sich bei 97% aller erstellten Fake-Accounts um Frauen, während der Anteil bei realen Accounts lediglich bei 40% liegt. Des Weiteren haben die Fake-Accounts im Durchschnitt 726 Freunde, 596 mehr als echte Accounts, bei denen der Durchschnitt bei 130 Freunden liegt. Bei der Aktivität der Profile ergibt sich ein eher durchwachsenes Ergebnis, während Fake-Accounts je vier Fotos circa 136 anderer Profile markieren, liegt der Wert bei den realen Profilen gerade einmal bei einem anderen Profil. Andersherum haben aber auch knappe 50% der Fake-Accounts niemals ihren Facebook-Status geändert.

Erkennung

Doch erkennt man eigentlich, ob es sich bei einem Profil um ein Fake-Profil handelt? Tatsächlich ist dies nämlich in vielen Fällen nicht so leicht, wie man zuerst annehmen sollte. Denn neben den oben genannten 43% der Fake-Accounts, die noch nie ihren Status aktualisiert haben, gibt es viele Profile die sehr aufwendig gestaltet und mit vielen Daten gefüllt sind, um einen möglichst seriösen Eindruck zu machen. Gerade bei besonders attraktiven Profilfotos sollte man besonders vorsichtig sein. Die Studie von Barracuda Networks zeigt die Unterschiede, auf die geachtet werden sollte. Im Umgang mit sozialen Medien ist diese Vorsicht eine generelle Verhaltensmaxime, an die sich alle Nutzer halten sollten. Aufmerksames Verhalten und ein Mindestmaß an Naivität sind in den meisten Fällen der beste Schutz.

Praxisbeispiel Fake-Account

Um nicht nur auf theoretischer Ebene in das Thema einzusteigen, haben wir uns der ersten Sitzungen dazu entschlossen, selbst einen Fake-Account zu erstellen. Über eine Laufzeit von zwei Wochen fütterten wir diesen mit Daten, um zu erfahren, wie Facebook selbst aber auch andere Nutzer auf unseren Account reagieren. So entstand der Informatikstudent Ben Müller, geboren am 29.02.1996, wohnhaft in Oldenburg. Innerhalb der zwei Wochen häuften sich eine Menge Daten an, es wurden zum Beispiel 9 verschiedene Orte besucht und 3 Bilder hochgeladen. Aus 50 ausgewählten "Gefällt mir!"-Angaben generierte Facebook 140 Themen für Werbeanzeigen, die uns fortan während des Surfens auf Facebook angezeigt wurden. Insgesamt hatten wir nach Ablauf der Laufzeit 83 Freunde und 175 verschickte Freundschaftsanfragen, die nicht beantwortet wurden. Dabei war auffällig, dass die anderen Facebook-User unterschiedlich auf die Anfragen reagierten. Ungefähr 50% der Nutzer nahmen unseren Account ohne weitere Nachfrage als Freund in ihre Liste auf, weitere 25% taten dies nach vorheriger Kommunikation über den Facebook-Messenger. Lediglich die verbleibenden 25% der Nutzer nahmen die Freundschaftsanfrage nicht an.

Was sagt das über die Nutzer bei Facebook aus?

Eine Aussage über das Nutzerverhalten lässt sich nicht so einfach treffen. Da unser Account von ca. 75% der Nutzer die Freundschaftsanfrage unseres Fake-Accounts angenommen haben, kann man jedoch sagen, dass die Privatsphäre bei ihnen nicht an erster Stelle steht.

Rechtliche Hintergründe

Die gesamte rechtliche Grundsituation zum Thema Fake-Accounts scheint sehr verzwickt. Das reine Erstellen eines Fake-Profils ist nicht strafbar. Es verstößt zwar gegen die allgemeinen Geschäftsbedingungen einer Plattform wie Facebook (4), wird aber strafrechtlich nur höchst selten verfolgt. Lediglich die Nutzung der Profile entscheidet über die rechtlichen Konsequenzen. Nutzt man also Inhalte als Daten, für die man keine Rechte besitzt oder begeht andere Straftaten, macht man sich strafbar. Doch gerade bei kleineren Vergehen ist eine Anzeige bei der Polizei nur sehr gering wirksam. Nicht zuletzt, da Opfer solcher Missbräuche wegen ihrer Leichtgläubigkeit eine gewisse Mitschuld tragen.

@Author Simon Elbert

Konformitätsdruck

Einleitung Konformitätsdruck

"Macht durch Disziplin! Macht durch Gemeinschaft! Macht durch Handeln!"
Das sind die drei bekannten Grundsätze der Welle, die im Buch von Morton Rhue beschrieben werden, die eine faschistische Welt erzeugen und simulieren sollten, welche letztendlich aber außer Kontrolle geriet (2). Doch ist dies nicht nur ein Beispiel für eine faschistische Ordnung innerhalb der Gesellschaft bzw. der Schule, sondern es werden dabei explizit Vorgänge des Gruppenzwangs oder Konformitätsdruck beschrieben, um die es in diesem Text gehen soll. Zunächst müssen wir jedoch den Begriff der Konformität klären.

Was ist Konformität?

Konformität ist ein Gruppenprozess, wie auch der Gruppenzusammenhalt und der Autoritätsgehorsam, auf die ich später noch eingehen möchte. Das Lexikon der Psychologie schreibt hierzu:
"Veränderung einzelner Personen oder Subgruppen in Richtung der Gruppennorm, d. h. der mehrheitlich geäußerten Urteile, Meinungen und Einstellungen (Mehrheitsposition). (3)"
Andererseits können auch Minderheiten (Minoritäten) auf das Individuum Einfluss nehmen. Dies geschieht dann, wenn eine Minderheit eine bessere Alternative im Vergleich zur Majorität anbietet (4). Die Umsetzung der Einstellungsänderung findet dann allerdingseher im privaten Rahmen statt (4). Ein gutes Beispiel hierfür ist gewiss die Abschaffung der Todesstrafe in Europa. Zur Zeit der Französischen Revolution wurde die Guillotine erfunden, um schnellstmöglich Urteile zu vollstrecken. Weiter war die Todesstrafe bis nach dem Zweiten Weltkrieg nicht unüblich. Heutzutage gilt sie in weiten Teilen der Bevölkerung als bestialisch. Oft wird hierbei das Argument genannt, dass nach der Vollstreckung zwar noch die Unschuld des Getöteten bewiesen werden kann, eine Rehabilitation jedoch nicht mehr möglich ist. Doch muss man sich gemäß des eben Beschrieben fragen, von wo diese Meinung stammt.

Was ist Gruppenzwang?

Ein alltägliches Beispiel: Warum jubelt man bei großen internationalen Fußballturnieren mit und freut sich über Tore der eigenen Mannschaft, obwohl man sonst am Sport oder an anderen Turnieren kein Interesse zeigt (6)? Eine Ursache ist das titelgebende Phänomen. Der einzelne Mensch sehnt sich nach Anerkennung durch Gruppen. Zunächst ist dies unabhängig davon, ob man zu der coolen Clique in der Schule gehören möchte oder das gemeinsame Ablästern mit seinen Freunden über eine dritte Person, die man selbst gar nicht kennt. (Video)

Woher kommt der Gruppenzwang?

Menschen streben nach Anerkennung, wie ich eben schon geschrieben habe. Diese Anerkennung ist teilweise überlebenswichtig. Um einem möglichen Tod zu entgehen, passt sich der Mensch der Gruppe an, der er angehören möchte. Andernfalls können schwere psychische Folgen auftreten, die teilweise sogar in Suizid münden. Bei diesem Phänomen wird von normativem Einfluss gesprochen. Ein weiterer Typ ist der informative Einfluss durch eine Gruppe. Hier strebt der Mensch nach der Anerkennung einer Gruppe, indem er ihre Ansichten übernimmt. Infolge der Anerkennung kann also ein Informationsdefizit beseitigt werden. Zuletzt bleibt das Selbstwertgefühl. Werde ich stets von außen als wertvoll erachtet, strebe ich danach, dieses Niveau aufrecht zu erhalten, um weiter belohnt zu werden. Das Gegenteil kann, wie oben angesprochen, schwere Schäden im Menschen hervorrufen (6).

Was sind seine Auswirkungen?

Die aufgezeigten psychischen Folgen und der Selbstschaden zeigen sich gut am Beispiel homosexueller Jugendlicher. Die Suizidgefahr ist bei ihnen im Schnitt vier- bis siebenmal höher als bei heterosexuellen (5). Woran liegt das? Ihnen wird in der Zeit des inneren und äußeren Outings klar, dass sie niemals der sozialen Norm ihrer Bezugsgruppe - also der Heterosexualität - entsprechen werden. Dadurch sinkt das Selbstwertgefühl und sie erhalten keinen Rückhalt in ihrem Lebensumfeld, wodurch das Leben keinen Sinn mehr für sie hat. Ähnliches zeigt sich auch an einem Experiment von Latané und Darley und lässt sich unter der Überschrift des Artikels der Website 'Psychologie im Alltag' zusammenfassen: "Lieber schade ich mir, als dass ich anders bin." In dem Versuch ging es darum, dass ein (ungefährlicher) Rauch in einen Raum mit drei Probanden eingelassen wurde. Was der wahre Proband jedoch nicht wusste, ist, dass die anderen beiden zum Team der Versuchsleiter gehörten. Diese ließen sich nicht von dem Rauch beeindrucken und blieben ruhig auf ihren Plätzen sitzen. Versuchte der Versuchsteilnehmer noch zu flüchten, als er alleine im Raum war, blieb er nun in der Regel sitzen und schloss sich somit der Mehrheitsansicht an (6).

Lässt sich dies steigern?

Radikaler geht der Autoritätsgehorsam bzw. die Aggression vor. Bei ihm werden bewusst Vorstellungen von Humanität und Menschenrechten widersprochen, die bisher stets als gesellschaftliche Norm angesehen wurden. Hierzu führte Stanley Milgram erste Experimente in einer fingierten Lehrer-Schüler-Situation durch (2). In dem Video ist ein Ausschnitt einer BBC-Dokumentation zu sehen. (Video) Sie kapselt sich von der Konformität insofern ab, dass sie von Hierarchien und nicht von gleichrangigen Personen abhängt. Es gibt somit Vorgesetzte, die Befehle geben, die man als Untergebener auszuführen hat (2). Auch der Roman "Die Welle" ist hier ein gutes Beispiel.

Was geschah bei der "Welle"?

In dem Buch geht es um ein Experiment des Geschichtslehrers Ben Ross (im Film Rainer Wenger). Dieser zeigt seiner Klasse einen Film über den Holocaust und die Schüler fragen ihn, wie ein solches System überhaupt entstehen konnte und wieso weite Teile der deutschen Bevölkerung nichts über die Geschehnisse in den Konzentrationslagern wussten oder die Schuld auf andere Menschen übertragen. Auch Nachforschungen seitens Ben Ross kommen zu keinem Ergebnis. Somit begründet er das Experiment "Die Welle". Die drei oben am Anfang genannten Prinzipien werden in die folgenden Unterrichtsstunden eingebunden und konsequent durchgezogen. Das Prinzip Macht durch Disziplin! sorgt dafür, dass der Unterricht wieder auf den Lehrer fixiert wird. Bei dem Zweiten Macht durch Gemeinschaft! werden die Schüler so beeinflusst, dass sie sich als eins ansehen. Verstärkt wird dies durch gemeinsame Symbole und Grüße. Das dritte Prinzip Macht durch Handeln! veranlasst die Schüler gemeinsam neue Mitglieder zu werben, sodass die Welle überschwappt. Es wird zudem eine Hierarchie aufgebaut, die auch außerhalb der Schule vielen Gefallen bereitet. Ben Ross verliert hingegen die Kontrolle über die Klasse und die Welle breitet sich immer weiter aus. Trotz der Gleichheit aller Beteiligten können einige trotzdem innerhalb der Hierarchie aufsteigen. Freundschaften und Beziehungen mit Außenstehenden werden verpönt und drohen an dem Experiment zu zerbrechen. Der Punkt, an dem sich Ross entscheidet das Experiment zu beenden ist, als ein jüdisches Nicht-Welle-Mitglied von den Mitgliedern angegriffen wird. Er ruft eine Vollversammlung ein und konfrontiert die Schüler mit dem, was sie angerichtet haben. Außenseiter können nach ganz oben gelangen und die ehemaligen Führenden werden zu kleinen Marionetten des Systems. Die Welle zeigt uns, dass Nichtmitglieder als Feinde anzusehen und gemäß der dritten Richtlinie zu integrieren sind. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. (Video)

Wer gewann durch die Welle?

Im Nachhinein hat nur ein einziger Schüler durch die Welle gewonnen. Bei Robert Billings handelt es sich um den 17-jährigen Außenseiter des Jahrgangs. Aus dem schüchternen Jungen wird im Verlauf des Romans der Beschützer des geistigen Führers. Auch strebt er nach der Anerkennung durch die anderen, indem er sich durch Beteiligung am Unterricht eine neue Rolle erarbeitet. Nach der Beendigung des Experiments sagt der Lehrer in Gesprächen zu ihm, dass er auch ohne die Welle zu einer hervorstechenden Persönlichkeit werden kann. Man sieht, dass Robert die Bewegung als seine Chance ansah, in der Gruppe nach oben aufzusteigen. Vorher wollte niemand mit ihm etwas zu tun haben, da er durch sein Auftreten und Verhalten nicht zur Gruppe der Mehrheit gehörte. Er passte sich an die (vollkommen neuen) Regeln an und gelangte so schnell nach oben. Der Einfluss, der auf ihn ausgeübt wurde, ist somit normativer Herkunft (7).

Was sind die Folgen für das Individuum?

Interessant ist die nachträgliche Rechtfertigung für das Handeln zweier konditionierter Gruppen. Hierbei fällt auf, dass Personen, die an einem Konformitätsexperiment teilnahmen, ihr Handeln oft über den gewünschten Gruppenzwang rechtfertigen; aggressiv beeinflusste verweisen jedoch auf die Obrigkeit (2). Diese hat sie solange beeinflusst, bis sie ohne weitere Nachfragen das angestrebte Verhalten annahmen. Sie standen durch die immer wiederholten Aufforderungen unter einem unangenehmen sozialen Druck, denn sie wollten die immer inhumaner werdenden Gefälligkeiten erfüllen.

@Author Gerrit Hegeler

Narzismus/Alterego

Im Internet stellen sich Menschen gerne anders da, als im realen Leben. Warum ist dies so, was versteht man unter Narzissmus und Alter Ego und was haben diese Begriffe mit unserem Thema gemeinsam? Um diese Fragen zu klären wird sich im ersten Teil dieser Arbeit mit der Definition der beiden Begriffe Narzissmus und Alter Ego beschäftigt. Im weiteren Verlauf geht es um die Verbindung zu unserem Thema, indem auf sogenannte Avatare Bezug genommen wird, die einen Stellvertreter der eigenen Person in der virtuellen Welt darstellen. Am Ende wird thematisiert, wie sich ein Avatar bzw. ein Alter Ego auf die Psyche und das reale Verhalten ihrer Besitzer auswirkt.

Ein gewisses Maß an Narzissmus steckt in jedem von uns und ist eine Bedingung für ein erfülltes, zufriedenes Leben. Etwas Besonderes sein, stärkt unseren Selbstwert und unser Selbstvertrauen. Ungesund kann Narzissmus jedoch werden, falls Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung eines Menschen ausarten. Hierbei offenbaren sich Arroganz und Selbstsüchtigkeit und es wird sich anderen gegenüber gleichgültig und rücksichtslos verhalten.(2) Die eigene Person erscheint einem wertvoller, als andere sie beurteilen würden. Ein Zusammenleben mit dieser Person ist so quasi unmöglich. Hinter einer solchen Selbstverliebtheit verbergen sich häufig ein eher geringes Selbstwertgefühl und eine starke Verletzlichkeit. Es kann allerdings auch sein, dass ein Mensch unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet und stark von Macht, Erfolg, idealer Liebe o. ä. eingenommen ist. Eine narzisstisch veranlagte Person besitzt dementsprechend ein "aufgeblasenes XXL-Ego".(1)

Unter Alter Ego kann man zwei verschiedene Dinge verstehen. Auf der einen Seite bezeichnet der Begriff die intensive Beziehung zweier Menschen, wenn der eine für den anderen zu einer Identifikationsfigur geworden ist. Hierbei kann auch ein zweites Ich im selben Körper gemeint sein. Ego und Alter Ego sind in diesem Fall zwei miteinander in Widerspruch stehende Seiten einer gespaltenen Persönlichkeit.(3) Auf der anderen Seite kann ein Alter Ego auch eine künstlich erschaffene Analogie einer realen Person sein. Alter Ego kommt aus dem lateinischen und bedeutet übersetzt anderes Ich.(4) Um ein genaueres Bild von dem Begriff zu bekommen, sind im Folgenden einige bekannte Beispiele genannt.

Superhelden wie Hulk haben oft ein Alter Ego. Dieses bricht krankhaft und chaotisch aus ihm hervor und lässt sich nicht mehr kontrollieren. Ein weiteres Beispiel findet sich in James Camerons Science-Fiction-Film Avatar. Hier geht es darum, dass der ehemalige US-Marine Jack Sully auf dem Planeten Pandora via Gedankenübertragung in einen Na'vi-Körper (Ureinwohner Pandoras) gebracht wird, um das Vertrauen der Na'vis zu gewinnen. So soll ein wertvoller Rohstoff abgebaut werden können. Der deutsche Komiker Hape Kerkeling verkörpert unter anderem Horst Schlämmer als Alter Ego, um auch ein deutsches Beispiel zu nennen.(3)

Es stehen noch zwei Fragen offen: Inwiefern ähnelt Narzissmus dem Alter Ego und was hat das überhaupt mit unserem Thema "Inwiefern definieren wir uns über Daten?" zu tun?

Mit normalem Selbstwertgefühl stellt Narzissmus eine Verhaltensform dar, wobei der Betroffene meistens an einer psychischen Störung leidet. Mit Alter Ego hat das nur wenig zu tun. Wie zuvor erwähnt, kann Narzissmus allerdings auch aufgrund von geringem Selbstwertgefühl entstehen. Dieser Fall steht sehr nah in Verbindung mit einem Alter Ego, da sich eine Person ein neues Ich aufbaut, um vom eigenen geringen Selbstwertgefühl abzulenken.

In der heutigen Zeit besitzen viele Menschen zwei verschiedene Identitäten. Die eine ist online, die andere offline. In den meisten Fällen stimmen sie nicht überein. Der eine Fall, wobei im Internet ein Alter Ego zu einer Person kursiert, während sich diese Person im realen Leben wie sie selbst verhält, wird in diesem Text weiter betrachtet. Dass sich eine Person erst im Internet ausleben kann und im wahren Leben eine Rolle einnimmt, wird in einem anderen Text genauer untersucht (siehe "Ausleben von Persönlichkeitsfacetten").

Der Begriff Alter Ego ist verwandt mit dem Begriff Avatar.(3) Ein Avatar ist eine künstlich geschaffene Person oder ein grafischer Stellvertreter einer echten Person in der virtuellen Welt, z.B. in Computerspielen. Avatare lassen sich äußerlich an das eigene Erscheinungsbild anpassen, aber auch Charakterzüge und Fähigkeiten können nach eigenen Vorstellungen verbessert werden. Diese Daten spiegeln all unsere Handlungen und die Art, wie wir dargestellt werden wollen, wider.(5) Es entsteht weniger ein optisch halbwegs ähnliches Ebenbild, sondern vielmehr ein digitales Super-Ich. (6)

Bei einer Studie von Dunn und Guadagno (2012) bekamen die Teilnehmer die Aufgabe, sich einen Avatar zu erstellen, welchen sie im Anschluss in einem Videospiel spielten. Es zeigte sich, dass sowohl Frauen als auch Männer Avatare erstellen, die nicht ihrem Ebenbild entsprechen. Auffallend war, dass sie stärker den sozialen Normen und Idealen genügen (siehe "Konformitätsdruck").(5) So mutieren "klein geratene Brillenschleichen [...] zu muskelbepackten Hühnen in schillernden Rüstungen" und "Mauerblümchen [...] zu vollbusigen Amazonen mit Wespentaille und Wallemähne".(5) Es geht eben häufig darum, "einmal im Leben jemand anderes zu sein - vor allem aber jemand Besseres!"(6) Da bietet das Internet natürlich die Gelegenheit. Vor allem Persönlichkeitsfaktoren beeinflussen die Gestaltung von Avataren bzw. Alter Egos.

Die Offenheit gegenüber Neuem wie Experimentierfreudigkeit o.ä. hatte eine große Auswirkung auf die Avatarerstellung. Männer wählten so beispielsweise oft einen Hautton, der dunkler war, als ihr eigener. Bei Frauen trat dieser Sachverhalt allerdings nicht auf. Es ergab sich jedoch, dass sowohl Frauen als auch Männer mit erhöhter Experimentierfreudigkeit bei der Erstellung ihrer Avatare mehr darauf achteten, dass diese ihnen ähneln. Sie sahen ihre Avatare mehr als eine Steigerung ihrer eigenen Person.(5)

Die größten Differenzen zwischen einer Person und ihrem Avatar gab es bei denen, die im realen Leben eher zurückhaltend und introvertiert sind. Die Studie ergab, dass diese Personen sich besonders attraktive Avatare erschaffen. Zum einen versuchen sie vermutlich durch Attraktivität mehr soziale Interaktionen zu bekommen und so Schüchternheit und Ängste im realen Leben auszugleichen oder zu überwinden.(5) Avatare beeinflussen jedoch nicht nur die Wahrnehmung außenstehender Personen, sondern haben auch Konsequenzen für die Psyche und das Verhalten ihrer Besitzer.

In einer Studie von Jesse Fox (2010) mussten Probanden Avatare beobachten, die ihnen selbst ähnlich sahen. Dazu wurden sie in zwei Gruppen eingeteilt. Die Avatare der ersten Gruppe joggten auf einem Laufband, in der zweiten verbrachten sie den Tag auf dem Sofa. Schon am Folgetag hatten die Teilnehmer der ersten Gruppe das Bedürfnis, eine Stunde länger Sport zu treiben als die Probanden der zweiten.(6) Des weiteren zeigte sich, wer in die Rolle eines schwarz bekleideten Avatars übernommen hatte, verhielt sich hinterher wesentlich aggressiver und weniger teamfähig als jene Teilnehmer, die einen weiß gekleideten Avatar gesteuert hatten. (6)

Sabine Trepte konnte nachweisen, dass Nutzer eines besonders attraktiven, offenen Avatars, ihr Leben bereitwilliger vor Fremden ausbreiten. Wer in einem Online-Netzwerk viele persönliche Angaben macht, sei so schon nach einem halben Jahr ein offenerer Mensch, teile bereitwilliger Informationen über sich und habe mehr Freunde.(6)

Letztendlich ist festzuhalten, dass Narzissmus und Alter Ego stark miteinander in Verbindung stehen können. Im Internet schlüpfen Menschen gerne in Rollen und definieren sich über Daten, die sich nicht immer ohne weiteres auf ihr reales Leben übertragen lassen. Das Erstellen von Avataren bzw. Alter Egos scheint demnach mehr zu sein, als die bloße Erschaffung einer Figur. Es dient vor allem der Selbstpräsentation in einer virtuellen Welt, welche teilweise fehlende Eigenschaften des realen Ichs kompensieren soll. Alter Egos können nicht nur die Wahrnehmung anderer, sondern auch die eigene Psyche beeinflussen.

@Author Saskia Heuer