Ein Überblick über Geschichte, Ausmaß, Methodik, Rechtliches sowie Präventives zur Industriespionage

Historie der Industriespionage

Um die Geschichte der Industriespionage zu beschreiben, ist es nötig sich zu aller erst Gedanken darüber zu machen, inwieweit die Definition der Industrie- und Wirtschaftsspionage auch für das Altertum anwendbar ist. Per Definition wären daher Könige und Kaiser, welche Untertanen entsandten, um Informationen über die wirtschaftliche oder industrielle Stärke eines anderen Landes zu sammeln, im Bereich der Wirtschaftsspionage tätig. Das liegt daran, dass sie nicht als Unternehmer, sondern als Staatsmächte fungierten und somit ihre Untertanen die ersten Geheimagenten waren.

In der heutigen Zeit ist das Thema Industriespionage eines, welches nur selten ans Tageslicht gerät und noch seltener dafür auch Beweise und Quellen existieren. Spionage, ganz gleich nach welcher Definition, ist eine Tätigkeit, welche gerade solcherlei Quellen versucht zu vermeiden. Daher gibt es noch weniger fundierte Quellen über die Tätigkeiten von Unternehmen oder Fürsten in der Historie.

Aus diesem Grund ist dieser Abschnitt in zwei Bereiche gegliedert. Der erste Teil befasst sich strikt nach unserer Definition der Industriespionage und wird Fälle aufzeigen, welche in der Vergangenheit belegbar von Unternehmen begangen worden sind. Der zweite Teil befasst sich mit einer etwas gedehnten Auffassung der Definition und schließt Fürsten im Altertum ein, die jedoch direkt und ohne Hilfe von Geheimdiensten agierten. Dabei beschreiben die folgenden Fällen jedoch nur Spionage aufgrund von wirtschaftlichen Interessen, nicht militärischen. Auch wenn sich Historiker darüber einig sind, dass diese Geschehnisse so vorgefallen sind, gibt es dennoch nicht immer konkrete Beweise dafür.

Teil 1: Belegte Industriespionage in der Vergangenheit


Hoesch AG in Dortmund und seine Geschichte

Dieser Fall von Industriespionage spielte sich im Jahre 1823 ab.

In diesem Jahr fuhr der deutsche Unternehmer Eberhard Hoesch mit einem Schiff über den Ärmelkanal nach Großbritannien. Er betrieb zu der Zeit zwei Hüttenwerke (Kombination mehrerer Fertigungsstufen zur Produktion von Stahl 1), eines in Monschau und eine Eisenhütten (Anlage zur Erzeugung von Eisen oder Stahl aus Eisenerz 2) in Lendersdorf bei Düren.

Historie
Boris Wettig / pixelio.de

Sein Ziel war es dort die Stahlindustrie auszuspionieren, diese besaßen zu der Zeit die neueste Technik in der Produktion vom Stahl.

In Großbritannien wurde das Puddelverfahren zur Eisen- und Stahlgewinnung 1784 von dem Engländer Henry Cort erfunden. Dieser stellte fest, dass der im heißen Roheisen enthaltene Kohlenstoff verpufft, wenn Luft darüber streift. Dieses machte den Stahl wesentlich bruchfester und elastischer, da der Stahl weniger Verunreinigungen hatte. Um an diese wichtigen Informationen zu gelangen, reiste Eberhard Hoesch mit dem britischen Ingenieur Samuel Dobbs nach England zu einer Eisenhütte und gab sich als interessierter Kunde aus.

Als sie dort ankamen, wurde ein Mitarbeiter der Eisenhütte misstrauisch, da sich Eberhart Hoesch zu sehr für die einzelnen Details interessierte. Der Mitarbeiter rief daraufhin die Polizei, jedoch bevor Eberhart Hoesch festgenommen werden konnte, floh er und versteckte sich in einem abgekühlten Ofen.

Der Legende nach soll Hoesch geflohen sein, als der Ofen wieder erhitzt wurde. Der dabei entstandene Rauch diente ihm als Deckung, wobei die Mitarbeiter des Werkes so überrascht worden seien über die Gestalt, dass sie nicht schnell genug reagierten.

Als er zurück in Deutschland war, gründete Hoesch ein Puddelwerk (ein Teil eines Stahlwerkes bei dem das Eisen aus dem Erz heraus geschmolzen wird) und stellte mehrere englische Fachkräfte ein. Das Verfahren war so erfolgreich, dass seine Firma maßgeblich Anteil an der wachsenden Rate von Dampfmaschinen und Eisenbahnen hatte, weshalb sich innerhalb von 20 Jahren, zwischen 1825 und 1855, die Mitarbeiterzahl verzehnfachte.

Aus dem ursprünglichen Eisen- und Stahlwerke Hoesch AG wurde 1991 das bekannte Hoesch AG in Dortmund.

[1, S. 14f.]

Goodyear und seine Schritte zum Erfolg

Im 19. Jahrhundert wurde die brasilianische Kautschukindustrie von der Industriespionage getroffen. Im Jahre 1839 entdeckte Charles Goodyear die Vulkanisierung. Er entwickelte ein chemisch-technisches Verfahren, wodurch Kautschuk vom plastischen zu einem dauerelastischen Zustand überführt wurde. Dadurch wurde aus Kautschuk das allbekannte Gummi.

Durch dieses neue Verfahren und der Herstellung von Gummi erlebte Brasilien einen wahren Kautschukboom. Der einzige Produzent von Kautschuk war lange Zeit Manaus, ein kleines brasilianisches Dorf am Rio Negro, in der Mündungsnähe vom Amazonas.

Durch den hervorgerufenen Kautschuckboom wurde das kleine Dorf weltweit bekannt, reich und wuchs zu einer Großstadt heran.

Im Jahr 1876 reiste der Engländer Henry Wickham nach Brasilien, um dort die Samen des Kautschukbaumes zu sammeln. In Brasilien war es jedoch eine Straftat Samen, Keimlinge oder ganze Pflanzen des Kautschukbaumes zu sammeln und zu exportieren. Trotzdem exportierte Henry Wickham 70.000 Kautschuksamen, getarnt als Samen von Orchideen nach England. Er zog in den Gewächshäusern des Royal Botanic Garden 2.000 Kautschuksetzlinge heran die er später nach Malaysia verschiffte, wobei jedoch nur acht Kautschuksetzlinge die lange Fahrt nach überstanden. Diese acht Setzlinge gediehen dort prächtig, wodurch in Malaysia der Kautschukbaum günstiger aufgezogen werden konnte als in England. Zudem fehlte es dem Baum dort an natürlichen Feinden, wie es sie in Brasilien gab. So dauerte es keine 20 Jahre, bis fast 90 Prozent des weltweiten Kautschukbedarfs von Malaysia aus gedeckt wurde. Somit war die brasilianische Monopolstellung gebrochen und die Kautschukpreise sanken.

Für seine Dienste wurde Henry Wickham später vom König geadelt und nannte sich fortan Sir Henry Wickham.

[1, S. 14f.] [2]

Teil 2

Für diesen Teil der Historie gibt es keine fest hinterlegten Quellen, da die Geschehnisse undokumentiert sind und weit zurück liegen. Sie gelten jedoch allgemein als so zutreffend.


Seidenraupe von China

China hatte bis zum sechsten Jahrhundert ein Monopol über Seide. Es gab zwar in Griechenland und anderen europäischen Ländern Seide, diese war jedoch qualitativ geringwertiger. Um 176 n.Chr. wurde die Seidenstraße eröffnet, welche eine Handelsroute zwischen dem Römischen Reich und China darstellt. Geschichten zufolge hielt im Jahr 200 nach Christus der Fürst von Kothan (heute westliche Grenze Chinas) die Hand um eine chinesische Prinzessin an. Da die Prinzessin nicht auf Seidenkleider verzichten wollte, schmuggelte sie Maulbeerbaumsamen und Seidenspinneneier in ihrem Haar aus China heraus. Dadurch verließ das Geheimnis der chinesischen Seide erstmals China.

Im sechsten Jahrhundert entsendete Kaiser Justinian zwei Mönche gen Osten, um das Geheimnis der Seidenraupe zu stehlen. Mönche wurden zu der Zeit - und auch später - gerne aufgrund ihres Rufes für Spionagezwecke entsandt, da man davon ausging, dass sie nur Prediger ihrer Kirche seien.

Die Mönche mussten jedoch nicht weit bis nach China reisen, da das Geheimnis sich bereits in der Region um Kothan und Indien verbreitet hat. Nachdem die Mönche das Wissen um die chinesische Seide zurück nach Europa brachten, war Kaiser Justianian nicht mehr auf teure Importe angewiesen und konnte eine eigene Seidenproduktion aufbauen. Das Geheimnis war keines mehr, und das Wissen verbreitete sich von Konstantinopel (heutiges Istanbul) aus in ganz Europa. [3]

[1, S. 11f.]

Erste Papiermühle Deutschlands

Um 1150 wurde die erste europäische Papiermühle in Xativa (bei Valencia/Spanien) betrieben. Der Nürnberger Ulman Stromer spionierte das Wissen der Papierherstellung aus dem arabischen Raum heraus und startete 1390 in Gleismühl bei Nürnberg die erste deutsche Papiermühle. [4]


Porzellan, Johann Böttger

Der französische Jesuit François-Xavier d'Entrecolles erlangte um 1710 Zutritt zu der hermetisch abgeschirmten Porzellanstadt Jingdezhen im Osten Chinas. Der Missionar fragte die Arbeiter aus, zeichnete die Anlagen zur Porzellanherstellung ab und sammelte heimlich Proben, die er nach Paris schickte. So legte er den Grundstein für die französische Porzellanproduktion. [5] [1, S. 11f.]


Quellen

[1] Schaaf Christian (2009): Der große Angriff auf den Mittelstand, Stuttgart, Richard Boorberg Verlag

[2] J. Meissinger, Gefahren und Bedrohungen durch Wirtschafts- und Industriespionage in Deutschland, Hamburg: Dr. Kovac, 2006.

[3] http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/geschichte-der-spionage-geheime-mission-in-frauenkleidern-a-735609-2.html

[4] Eisenstein, E. L. (2005). The printing revolution in early modern Europe. Cambridge: Cambridge University Press

[5] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42945028.html

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